Gründen in Konstanz – ein Thema für den Wahlkampf

Ein Interview zur Meinungsbildung mit dem amtierenden Oberbürgermeister Uli Burchardt und seinem Herausforderer Luigi Pantisano.

Im Rahmen des Wahlkampfes für die Position des Oberbürgermeisters der Stadt Konstanz, der noch bis zum 18. Oktober andauern wird, hat sich Geschäftsführer und Gründer des Startup Netzwerk Bodensee, Philipp Keßler, mit dem Herausforderer Luigi Pantisano und dem amtierenden OB Uli Burchardt ausgetauscht. Zur Sprache kamen die Ideen und Vorstellungen der Kandidaten zur zukünftigen Konstanzer Wirtschaftspolitik im Allgemeinen und zum Thema ‚Gründen in Konstanz‘ im Speziellen.

Mit diesem Beitrag wollen wir möglichst neutral zur Meinungsbildung aller Interessierten und Mitglieder aus unserem Netzwerk beitragen. Wir bitten um Verständnis, dass wir wegen der begrenzten Zeit der Kandidaten nur ausgewählte Themen anreißen konnten. Deshalb laden wir Sie im Anschluss zur weiteren Diskussion auf unsere LinkedIn-Seite ein.

Luigi Pantisano

Der Herausforderer möchte einen neuen Leitbildprozess mit Bürgerbeteiligung. Bereits 2018/19 hat unter Amtszeit von Uli Burchardt ein ähnlicher Prozess mit Beteiligung von Bürger*innen stattgefunden, aus dem u.a. die Entwicklung des Bückle-Areals zum Innovations-Campus resultierte.
Pantisanos Schwerpunktthemen:
Ökologie, Soziales, Stadtentwicklung.
Auch in der Wirtschaftspolitik.

In seinem Wahlprogramm dominierten andere Themen, dennoch betont Luigi Pantisano gleich zu Beginn des Gesprächs die Bedeutung einer funktionierenden Wirtschaft für die Stadt Konstanz – einerseits für den Haushalt in Form von generierten Gewerbesteuern, andererseits die Effekte einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik auf seine Schwerpunkthemen Ökologie, Soziales, Stadtentwicklung, etc.

Bei der angedachten Wirtschaftspolitik bleibt sich Luigi Pantisano treu und setzt auf soziale und ökologische Themen: Prämien für Kleinbetriebe bei Umsetzung von Klima- und Umweltzielen, Fairtrade, Work-Life-Balance, etc., Gemeinwohlökonomie fördern, Vermeidung von Schadstoffen/Abfälle, Sicherung niedriger Mieten, Berücksichtigung sozialer und ökologischer Kriterien bei Vergabeentscheidungen, u.a.

Mit seiner Politik will Luigi Pantisano deshalb auch besonders Startups mit nachhaltigem sowie sozialem Geschäftsmodell und Betriebsführung stärken. Ein großer Freund der Konzerne, die das Geld woanders hintragen, sei er nämlich nicht, so Pantisano. Er setze auf die Ansiedlung von regionalen Startups und KMU; das Geld solle in der Region bleiben.

Pantisano setzt auf die Initiative
und die Beteiligung der Bürger*innen

Im Gespräch mit dem Startup Netzwerk Bodensee ergaben sich darüber hinaus noch weitere interessante Aspekte. Zuhören und lernen wolle er, sagt Luigi Pantisano gegenüber Philipp Keßler im Gespräch über die Themen ‚Startups und Gründen in Konstanz‘. Nicht nur den Austausch mit dem erfahrenen Gründer betreffend, sondern auch im Bezug auf die geplanten Aktivitäten unter seiner Führung.

Er wolle nicht zu sehr in Prozesse eingreifen, die Stadt müsse nicht überall mitmischen bzw. der Treiber sein. Er möchte die Bürger*innen animieren, selbst zu gestalten sowie Ideen zu entwickeln – und dort unterstützen, wo seine Hilfe gebraucht wird. In dieser Hinsicht will er sich auch gerne auf neue Prozesse einlassen; Räume schaffen, in denen sich Startups ausprobieren können, z.B. auf eigens dafür geschaffenen Testfeldern. Dazu ist er auch bereit, temporär gewisse Freiräume zu schaffen anstatt neue Hindernisse für Gründer*innen aufzubauen.

Pantisanos Ziele:
1. Neue Wirtschaftszweige und Cluster; am liebsten im Bereich Greentech
2. Stärkere Willkommenskultur gegenüber Studierenden
3. Erneuter Leitbildprozess mit Bürgerbeteiligung

Neben der Stärkung der aktuellen Schwerpunkte Handel und Tourismus will Luigi Pantisano neue Wirtschaftszweige für Konstanz erschließen und zusätzliche Schwerpunkte für die Zukunft setzen. Durch den Dialog mit den Hochschulen soll identifiziert werden, welche Studiengänge und Forschungsfelder in der Stadt repräsentiert sind, die das Potential für eine zukünftige Clusterbildung haben. Am liebsten natürlich Greentech-Themen, so Pantisano.

Um auch Startups und Talente von außerhalb anzulocken, soll der Wirtschaftsstandort Konstanz nach außen hin stärker vermarktet werden.

Stichwort ‚Hochschule‘: eine stärkere Willkommenskultur gegenüber Studierenden wolle er etablieren. Die Hochschulen sowie die Ideen und Talente, die aus den Hochschulen hervorgehen, sieht er als größtes Potential für die Entstehung zukunftsfähiger und nachhaltiger Konstanzer Jungunternehmen. Dieses Potenzial gelte es, besser auszuschöpfen; eine stärkere Verknüpfung von Stadt und Hochschulen ist sein Ziel.

Der Austausch mit Unternehmen und der Bevölkerung soll ebenfalls aktiviert werden. Die Beteiligung der Bürger*innen im Allgemeinen und der Jungunternehmer zu Wirtschaftsfragen im Speziellen soll über einen Leitbildprozess erfolgen. Hier sollen nicht etwa Bereiche als einzelne Silos für sich betrachtet werden (z.B. Wirtschaftspolitik), sondern die Akteure aus den verschiedenen Bereichen kommen zusammen und es entsteht ein ganzheitliches Konzept. Als Beispiel für einen solchen Bürgerbeteiligungsprozess nannte Pantisano die Stadt Karlsruhe.

Sollte es tatsächlich dazu kommen, wird es spannend sein zu sehen, wie sich das Leitbild bzw. die geplanten Maßnahmen vom Handlungsprogramm Wirtschaft unterscheiden, das ebenfalls unter der Beteiligung von Bürger*innen 2018/19 unter Federführung der amtierenden Wirtschaftsförderung entstand.

Pantisano kritisiert:
Die Stadt hätte das Bückle-Areal kaufen und verpachten sollen,
statt es in die Hände spekulativer Investoren zu geben.

Ein Punkt aus dem Handlungsprogramm Wirtschaft – die Entwicklung des Bückle-Areals zum neuen Innovations-Campus der Stadt – sieht Pantisano mit gemischten Gefühlen. Er hätte gerne gesehen, dass die Stadt das Bückle-Areal kauft und verpachtet; jetzt werden Startups einen höheren Mietpreis im Vergleich zum alten Technologiezentrum in der Blarerstraße zahlen müssen und der Haushalt der Stadt leide unter einem hohen jährlichen Betrag für zusätzliche Mietsubventionen.

Generell will Pantisano Grundstücke lieber im Besitz der Stadt halten; Aktivitäten spekulativer Investoren von auswärts sieht er kritisch.

Uli Burchardt

Der amtierende OB setzt auf die konsequente Fortführung laufender Projekte und die Umsetzung des Handlungsprogramms Wirtschaft 2030, das 2018/2019 über mehrere Monate – begleitet von externen Moderatoren – unter Mitwirkung von Unternehmern, Gründern, Experten und interessierten Bürgern*innen entwickelt wurde.
Burchardts Politik:
Auf bereits Geleistetem aufbauen.
Gemäß dem Handlungsprogramm Wirtschaft 2030 handeln.

Dem Vorteil des Herausforderers, sich mit neuen Visionen in´s Gespräch bringen zu können, begegnet Uli Burchardt im Gespräch mit Philipp Keßler mit dem Verweis auf bereits Geleistetes und der konsequenten Fortführung laufender Projekte.

Bei der Frage, welche Wirtschaftszweige in Zukunft neben Tourismus und Handel weitere Schwerpunkte bilden werden, verweist Burchardt auf die Ausrichtung der wachsenden Netzwerke cyberLAGO (IT / Digitalisierung), bioLAGO (Liefe Science) und solarLAGO (Photovoltaik / grüne Energien), die von der Stadt unterstützt werden und mittlerweile bodenseeweit agieren.

Immer wieder verweist Burchardt bei der Frage nach seiner Wirtschaftspolitik auf das Handlungsprogramm Wirtschaft 2030, das seine Leitplanken für die Wirtschaftspolitik der nächsten Jahre darstellen soll. Das Konzept entstand 2018/2019 über mehrere Monate – begleitet von externen Moderatoren – unter Mitwirkung von Unternehmer*innen, Gründer*innen, Expert*innen und interessierten Bürgern*innen. Auch das Startup Netzwerk Bodensee brachte seine Sichtweisen in das Konzept mit ein.

Burchardt befürwortet:
Die Entstehung eines Innovations-Campus ist einer der größten Meilensteine im Gründer-Bereich. Der Campus bietet eine bessere Infrastruktur, bessere Arbeitsbedingungen und kurze Wege.

Als größten Meilenstein im Gründer-Bereich sieht Burchardt die Verlagerung des Technologiezentrums als erfolgreiches Gründerzentrum der Stadt in die Bücklestraße und dass die Bildung eines dortigen Innovations-Campus auf den Weg gebracht wurde. Die Gründer*innen fänden dort wegen der neuen Infrastruktur nicht nur bessere Arbeitsbedingungen vor, der OB verspricht sich durch die kurzen Wege zu den dort ansässigen Firmen, Unterstützungsangeboten und zur Wirtschaftsförderung selbst weitere Vorteile für die Gründer*innen. 

Außerdem betont er das ganzheitliche Entwicklungskonzept des Quartiers aus Wohnen, Arbeiten und Freizeit. Für die Umsetzung des mit der Stadt entwickelten Farm-Konzepts sieht Burchardt nun den Grundstückseigentümer i+R in der Verantwortung. Hier befände sich die Stadt in guten Gesprächen mit i+R, die auf dem Bückle-Areal mittlerweile auch ihr Deutschland-Hauptquartier eröffnet haben.

Burchardt animiert:
Die Neuauflage des Konzepts Zukunft Konstanz 2020 soll wie bereits das Handlungsprogramm Wirtschaft 2030 unter Einbeziehung von Bürger*innen und Expert*innen erfolgen.

Stichwort Bürgerbeteiligung: Bald steht die Neuauflage des Konzepts Zukunft Konstanz 2020 an, so der amtierende OB. Es wird dann wieder die Frage aufgeworfen, wie sich Konstanz in den Bereichen Siedlung und Raumstruktur, Wohnen, Natur und Umwelt, Mobilität, Arbeit und Wirtschaft, Tourismus, Bildung und Wissenschaft, Familie, Jugend, Soziales und Gesundheit, Freizeit, Sport und Kultur entwickeln soll. Die Gestaltung des Konzepts zur zukünftigen Stadtentwicklung soll nach demselben Prinzip der Einbeziehung von Bürgern*innen und Experten*innen erfolgen.

Eine der wichtigen Leitfragen für Burchardt:
Wie können Studierende und deren ‚Brainpower‘ in Konstanz gehalten werden?

In diesem Kontext sieht Burchardt auch die Frage, wie Studierende und deren ‚Brainpower‘ in Konstanz gehalten werden kann; dies sei nicht ausschließlich eine Frage der Voraussetzungen für Gründer*innen. Für bezahlbaren Wohnraum, gute Kultur- und Freizeitangebote und allgemein für eine familienfreundliche Stadt zu sorgen, sei in dieser Hinsicht genauso wichtig.

Abschließend betont der amtierende OB die sehr guten Beziehungen zu Universität und Hochschule. Hier bestünde ein reger Austausch auf verschiedenen Ebenen und zu verschiedenen Themen.

Etwas zurückhaltender gab sich Burchardt bei der Frage, warum unter den Kommunen und zwischen den Ländern der Region so wenig Zusammenarbeit bei Gründerthemen stattfindet. Die Kommunen und Länder befänden sich in einem Wettbewerb um Ansiedlungen und Fachkräfte. Ein produktiver Austausch sei unter diesen Bedingungen schwierig, was die Realität auch zeige. Trotzdem lud der OB das Startup Netzwerk Bodensee ein, im Falle der erfolgreichen Wiederwahl, dieses Thema zu vertiefen.

Eure Meinung ist gefragt!

Gemeinsam mit uns könnt ihr über die aktuellen OB-Wahlen, die Wirtschaftspolitik der beiden Kandidaten und ihre Bedeutung für die städtische Gründerszene sprechen. Einfach den Beitrag auf unserer LinkedIn-Seite kommentieren und mitdiskutieren. Wir sind gespannt auf eure Meinungen, Anmerkungen und Fragen!

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